Interview mit Ulla Grün,
Autorin von "Injera und Freunde"

Habesha Food by Birlin

Interview:
Wie es dazu kam, dass eine Hamburgerin
ein eritreisches Kochbuch schreibt.

Ulla Grün und die Entstehung ihres Habesha-Kochbuchs “Injera und Freunde.”

Injera und Freunde - Habesha Kochbuch von Ulla Grün
Ulla Grün, Autorin von Injera und Freunde

 Ulla Grün, Autorin des Habesha-Kochbuchs “Injera und Freunde”

Habeshafood:
Merhawi ist ein junger Eritreer, der als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland kam. Er hat sich an Sie gewandt, weil er Unterstützung gesucht hat, um seine Geschichte aufzuschreiben. Können sie kurz erzählen, wie sie Merhawi begegnet sind und wie es dazu kam?

Ulla Grün:
Ich war damals Vormund für einen jugendlichen Geflüchteten aus Eritrea, Henok. Er wohnte in einer Erstversorgungseinrichtung der Jugendhilfe. Merhawi war einer seiner drei Mitbewohner im Zimmer. Später zog Merhawi in eine Jugendwohnung um, die ganz bei mir in der Nähe war. So wurde ich Ansprechperson für kleinere und größere Probleme in seinem Alltag – und eben auch für seine dringende Bitte, ihm beim Verfassen seines Buches zu helfen.

Habeshafood:
Sie haben dann mit ihm zusammen seine Fluchtgeschichte aufgeschrieben und als Buch herausgebracht, mit dem Titel: „Mein Weg in die Freiheit – mit 15 Jahren allein auf der Flucht“. Wie viele Geflüchtete war er auf seiner Reise oft Gefahren und Gewalt ausgesetzt. Wie geht es ihm heute, wie stark sind diese einschneidenden Erfahrungen seiner Flucht noch spürbar oder prägen sein Leben heute?

Ulla Grün:
Merhawi hat, wie alle Jugendlichen in seinem Alter, die üblichen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens durchlebt. Zusätzlich musste er in der kulturell ganz anders funktionierenden Gesellschaft seinen Platz finden – parallel kamen erschwerend immer wieder die üblichen behördlichen Auseinandersetzungen sein Aufenthaltsrecht oder seinen Unterhalt betreffend hinzu.

Sehr belastend war für ihn auch, von seiner Familie getrennt zu sein. Dennoch hat er seinen Schulabschluss geschafft und auch eine Arbeit gefunden. Leider hat es aber aufgrund der Situation mit Corona bisher noch nicht mit einer Ausbildung geklappt.

Seine Fluchterfahrungen konnte Merhawi während des Schreibprozesses gut aufarbeiten. Das Erlebte ist nun ausgesprochen, niedergeschrieben und im Buch verwahrt. Das empfand Merhawi als große Erleichterung.

Habeshafood:
Konnten Sie an ihm Veränderungen feststellen, seit hier sein neuer Lebensmittelpunkt ist?

Ulla Grün:
Merhawi ist inzwischen erwachsen geworden. Er weiß, was er will und weiß, was er kann. Er beherrscht die Sprache und fühlt sich hier zu Hause.

 

Habesha Kochbuch mit Injera Rezepten, Jebena traditionelle Kaffeekannen aus Äthiopien
Das Rösten von Kaffee hat in der Habesha-Küche eine lange Tradition

Das Rösten von Kaffee hat in der Habesha-Kultur eine lange Tradition. Äthiopischer Hochland-Kaffee hat weltweit einen erstklassigen Ruf und bringt einige der hochwertigsten Sorten hervor.

Habeshafood:
Mit Verallgemeinerungen ist es immer schwierig, trotzdem würde mich interessieren, wie Sie die Eritreer erleben, mit denen Sie zu tun haben. In gewisser Weise erleben Sie ja den Alltag mit Henok, gleichzeitig haben Sie vermutlich eher einen Blick von außen auf diese Kultur. Wie würden Sie diese Menschen beschreiben, was zeichnet sie aus?

Ulla Grün:
Alltag habe ich mit meinem ehemaligen Mündel, Henok. Wir haben tatsächlich ein sehr enges, familiäres Verhältnis und durch ihn bin ich auch zum Kochen gekommen.

Ich habe inzwischen aber auch andere Menschen aus Eritrea kennengelernt. Sie alle haben gemeinsam, dass sie ziemlich zurückhaltend sind. Darum fallen sie auch in der Öffentlichkeit kaum auf. Jedenfalls viel weniger als Geflüchtete beispielsweise aus dem arabischen Raum. Von ihnen kennt man die Musik, Tänze und das Essen.

Es gibt häufig gemeinsame Veranstaltungen. Eritreer bleiben dagegen gern unter sich. Deswegen gab es auch anfangs für eritreische Geflüchtete kaum eine Lobby. Zum Beispiel wurden Texte für die neu in Deutschland Angekommenen schnell in Dari/Farsi und auf Arabisch übersetzt, während man vielerorts von Tigrinya noch überhaupt nichts wusste.

Ich fand das schade, denn ich halte Menschen aus Eritrea für sehr wertvolle Mitmenschen und wollte gern einen kulturellen Austausch initiieren. Darum habe ich ein deutsch-eritreisches Benefiz-Kulturfest organisiert, zu Gunsten der zivilen Seenotrettung. Schließlich sind nahezu alle in den letzten Jahren hierher geflüchteten Eritreer übers Mittelmeer gekommen.

Programmpunkte des Festes waren eine Kurzlesung aus Merhawis Buch, den Film Lifeboat Experiment von Seawatch https://lifeboatexperiment.org/de, daraus den Ausschnitt Merhawis Testimony https://www.youtube.com/watch?v=frx_ZlIY4HI, eritreische Poesie, Infostände von Seawatch und dem eritreischen Verein RAI, eritreische Musik, Hennamalerei sowie ein eritreisches Buffet mit Kaffeezeremonie.

Moderiert wurde die Veranstaltung zweisprachig: von einem Deutschen, der Tigrinya sprach und einem Eritreer, der auf Deutsch übersetzte.

Injera, das säuerliche Fladenbrot ist ein Grundnahrungsmittel in Eritrea und Äthiopien

Ein gutes Injera Fladenbrot herzustellen, ist eine Wissenschaft für sich. Dieses hier ist aus einer Mischung aus Weizen- und Milomehl.

Mehr Injera Rezepte im eritreischen Kochbuch von Ulla Grün

Injera-Gericht mit Huhn und Rind

Mein Weg in die Freiheit Buchcover

“Hätten wir geahnt, was noch auf uns zukommen würde, wären wir vermutlich nie aufgebrochen.”

Habeshafood:
Jetzt schreiben Sie an einem eritreischen Kochbuch, das Sie im Eigenverlag veröffentlichen werden. Wir haben bereits erfahren, dass Sie durch Merhawi Henok mit der eritreischen Kultur in Berührung gekommen sind. Aber wie sind Sie zum Fan der Habesha Küche geworden und was zeichnet diese aus, was macht sie so besonders?

Ulla Grün:
Bevor ich Henok kennenlernte, hatte ich nie etwas von Injera gehört und auch nicht gewusst, dass die Küche Eritreas und Äthiopiens sich völlig von der anderer afrikanischer Länder unterscheidet.

Für mich war beeindruckend, dass sie ohne Reis und Weizen auskommt und dass sie zum großen Teil vegetarisch oder vegan ist. Besonders ist auch, dass keine Früchte wie Rosinen, Ananas oder Bananen mitgekocht werden. Übrigens wird auch nichts angebraten. Im Gegenteil: alles wird gedünstet oder gekocht. Es sollen keine Röstaromen entstehen. Die gibt es dann beim Kaffee!

Eine zentrale Rolle in der Habesha Küche spielen verschiedene Hirsearten, wie zum Beispiel Teff, als Getreide/Mehl und Grundnahrungsmittel.

Habeshafood:
Was macht Teff so besonders?

Ulla Grün:
Teff ist glutenfrei und hat einen hohen Anteil an Aminosäuren und Eisen. Außerdem ist er anspruchslos im Anbau, so dass er auch in Europa in größerem Stil kultiviert werden könnte – sofern Saatgut zur Verfügung steht.

Habeshafood:
Wo liegen die Herausforderungen beim Kochen und Backen mit Treff?

Ulla Grün:
Es braucht viel Erfahrung, daraus einen lockeren Teig herstellen zu können. Eine andere Herausforderung ist, Teff überhaupt zu akzeptablen Preisen jenseits der Superfood-Händler zu beziehen. Das ist auch der Grund, warum die mir bekannten Eritreerinnen für ihr Injera überwiegend Weizen verwenden.

Habeshafood:
Welche Rolle spielt das gemeinsame Essen in der Habesha Kultur? Was haben Sie bisher darüber erfahren?

Ulla Grün:
Gemeinsames Essen ist immer ein familiäres, soziales und kommunikatives Erlebnis, wie eigentlich in allen Kulturen. Die Zubereitung von Habesha-Gerichten braucht allerdings meistens sehr viel Zeit. Das macht die gemeinsamen Mahlzeiten noch wertvoller – weil jemand so viel Zeit (und Liebe) hineingesteckt hat.

Ich habe auch gelernt, dass gerade Injera als besonders wertvoll angesehen wird. Man isst es mit Freude und Respekt. Und man wirft Injera niemals weg.

Habeshafood:
Praktizieren Sie zu Hause auch mal die Kaffeezeremonie?

Ulla Grün:
Wir trinken zu Hause oft gemeinsam Kaffee – aus Äthiopien, versteht sich – aber es gibt keine echte Kaffeezeremonie.

Habeshafood:
Für wen könnte die Habesha Küche interessant sein und was könnten wir Europäer von der Habesha Kultur lernen?

Ulla Grün:
Die Habesha-Küche ist interessant für Neugierige, insbesondere für Menschen, die gern Scharfes mögen, für Vegetarier und Veganer und für Menschen, die glutenfrei leben wollen oder müssen.

Lernen können wir/konnte ich einen neuen Umgang mit Zeit beim Kochen. Es geht nicht darum, alles möglichst schnell fertig zu haben. Von Hand Geschnittenes verhält sich beim Kochen anders als im Mixer Geschreddertes; es sieht auch anders aus.

Man überlässt das Essen nicht sich selbst im Topf, sondern ist sehr viel mit Rühren beschäftigt, damit nichts ansetzt. Speisen können auch ohne Röstaromen einen intensiven, harmonischen Geschmack haben. Der Sauerteig für Injera braucht Pflege und einen gewissen Vorlauf zur Zubereitung.

 

Habeshafood:
Vielen Dank für das Gespräch!

Hier geht es zu Ulla’s Silsi-Rezept. Es stammt aus ihrem Buch “Injera und Freunde”, das wir dir unten vorstellen.

Wir sind gespannt auf mehr!

Interview: Martin Frick, März 2021

Injera und Freunde Eritreisches Kochbuch von Ulla Grün

Injera und Freunde – Traditionelle Rezepte aus Eritrea, von Ulla Grün

Wir freuen uns, dir mitteilen zu können, dass Ullas Buch jetzt bei “Books on Demand” und als eBook verfügbar ist!

“Vielfach erprobte, köstliche Rezepte aus der einzigartigen traditionellen Küche EritreasAus dem Inhalt:- Herstellung des Hirse-Sauerteigs für Injera – ohne Hefe- Zubereitung von Injera- Beilagen, scharf oder mild, vegetarisch, vegan oder mit Fleisch- Gerichte ohne Injera- Informationen zu den verwendeten Lebensmitteln und deren Verarbeitung.”
[Quelle: VLB]

Gedrucktes Buch:
– 80 Seiten
– ISBN 9783753482620

Ebook:
– ISBN 9783753416373
– Kopierschutz: DRM(Kopierschutz)
– Seitenzahl Hauptinhalt: 80 Seiten
– Dateigröße: 3856 Kbytes

Mehr über die Bezugsmöglichkeiten auf Ullas Website erfahren.

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Wir bieten die bekömmliche, vielseitige und reiche Esskultur der Habesha Region gepaart mit den höchsten Qualitätstandards aus Deutschland.

Lass dich von der Lebensfreude und der Geselligkeit der Habesha Menschen anstecken und lerne die trendigen Produkte und Gerichte kennen.

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